Donnerstag, 7. Mai 2015

[Kreatives] Ein Toter am Tatort

Es ist wieder Zeit für "Story Creativo - Kreative Zitatgeschichten".


Diesmal musste ich einige Zitate übrig lassen, die passten beim besten Willen nicht in die Geschichte. So sehr ich es auch versucht habe, die Geschichte wollte nicht! Aber 22 Zitate können sich wohl sehen lassen. Viel Spaß beim Lesen:


Er ging beim ersten Klingeln ran. "John, es tut mir leid, aber..." [1] 
"John, John!", blaffte es am anderen Ende der Leitung zurück. "Wenn du mich mitten in der Nacht weckst, bedeutet das nie was Gutes!" Stille. Dann: "This guy is going crazy" [2], seufzte es aus dem Hörer.
"Es tut mir...."
"Ja, ja schon gut, es tut dir leid. Ich weiß." Seufzer. "Du kannst ja nichts dafür. Also, wo muss ich hin?"
"Polizeirevier.", fasste ich mich kurz.
John stutzte. "Du lädst mich nicht zu einer nächtlichen Besprechung ein, habe ich recht?"
"In der Tat" [3] 
"Ok, gib mir 20 Minuten!" Er legte auf. Ich verstaute mein Mobiltelefon in meiner Jeans und wandte mich wieder dem Typen zu, den ich am Tatort angetroffen hatte. Er war gerade dabei, der Leiche ihr Hab und Gut abzunehmen. Blutverschmiert und völlig zerzaust blickte er mich erschrocken an und hob die Hände.
"Ich habe nichts getan!", hatte er gerufen. Ja, ja, die Leier schon wieder.
Jetzt fuhr er sich durch sein wirres Haar. Ha, als ob es das besser machen würde! Obwohl - schwarze Haare mit roten Streifen...... Ok, Konzentration bitte!!!
"Was haben Sie hier zu suchen", fragte ich ihn.
"Hey, Mann, ich bin hier nur zufällig langgekommen."
"Ja, klar, und zufällig liegt hier ein Toter, zufällig vor dem Polizeipräsidium und zufällig hatte er noch eine Menge Bargeld bei sich. Und ich bin ganz zufällig Kommissar." Der Typ, ca. Mitte 20, wahrscheinlich drogenabhängig, zuckte mit den Schultern. "Wenn du eine weise Antwort verlangst, musst du vernünftig Fragen." [4] Wie bitte? Was hat der denn genommen? Ich ignorierte seinen Einwurf. "Ok, Butter bei die Fische: Wieso haben Sie diesen Menschen hier ermordet?"
"Ich habe nichts gemacht!" [5] Ich antwortete nicht.
"Sehe ich wie ein Mörder aus?" [6] Um ehrlich zu sein: Ja! Aber das durfte ich ihm natürlich nicht einfach so sagen. John predigte immer, wir dürften uns nicht zu voreiligen Aussagen hinreißen lassen. Ehrlich, das fiel mir manchmal ganz schön schwer. Und gerade diesem Kerl hier hätte ich mal gerne meine Meinung gegeigt und ihn kräftig durchgeschüttelt. Stattdessen sagte ich kühl: "Nur das Meer kennt dein Geheimnis!" [7] In diesem Moment riss sich der Kerl los, versetzte mir einen Kinnhaken und zückte sein Messer. Also doch. Ich hob die Hände, um ihm zu signalisieren, dass ich ihm nichts tun würde. 
"Wer immer tut,was er schon kann, bleibt immer das, was er schon ist." [8] Obwohl ich es eigentlich besser wissen müsste, ging ich stets davon aus, dass ich die Verzweifelten mit Worten zur Vernunft bringen könnte. Es half manchmal. Oft leider nicht. Aber: Der Mut bestand darin, weiterzumachen, egal was geschah. [9] Der Typ kam mit seinem Messer ein bisschen näher. Ich konnte das Zittern seiner Hand deutlich sehen. Das Glück ist blind. [10] 
"Ich seh Sie!" [11], rief im selben Moment eine vertraute, tief klingende Stimme. 'John', dachte ich erleichtert. 

"Eins, zwei oder drei. Letzte Chance vorbei!" [12] John stand ganz plötzlich hinter dem Kerl und noch bevor irgend einer reagieren konnte, schlug er ihm das Messer weg. "Alle unsere Träume können sich erfüllen - wenn wir den Mut haben ihnen zu folgen." [13], flüsterte John dem Kerl ins Ohr. Und laut sagte er: "Bist du glücklich mit dem, was du da gerade getan hast?" Schweigen. "Kennst du das Gefühl von Liebe?" Schweigen. Kopfschütteln. "Glück ist Liebe, nichts anderes. Wer lieben kann, ist glücklich. [14] Sagte schon Hermann Hesse. Ein wirklich kluger Mann."
"Ich war es nicht, wirklich nicht! Der war schon tot, als ich hier ankam. Und da dachte ich mir, der braucht seine Sachen nicht mehr. Aber ich - ich lebe noch und.... verdammt! Ja, ich brauche Geld und Klamotten. Schauen Sie mich doch an!" Der Kerl schrie sich richtig in Rage. Man brauchte ihn nicht ausgiebig mustern, um ihm zuzustimmen. Er hatte es wirklich nötig.
"Wir sind die Borg. Ergeben Sie sich. Widerstand ist zwecklos. Wir werden ihre kulturellen und technologischen Charakteristika den unsrigen hinzufügen." [15] Typisch John, er hat anscheinend vor dem Schlafengehen mal wieder zu viel Raumschiff Enterprise gesehen. Widerwillig musste ich trotzdem grinsen. Der Typ nicht. Er starrte uns aus großen Augen an. Er sah aus, als ob er Schmerzen hätte. Vielleicht vom Entzug. Wir nahmen ihn mit und überließen den Toten dem inzwischen eingetroffenen Gerichtsmediziner und den Kollegen der Spurensicherung.

"Stopp, stopp, stopp!", schrie Rolf von weiter hinten hysterisch. "So geht das nicht! Ihr könnt doch nicht einfach das Drehbuch ignorieren!! Miserabel! Ihr seid einfach miserabel! Seid ihr unausgeschlafen, oder was?" Er wandte sich zu uns um. Diese Ausbrüche waren uns wohl bekannt, aber deshalb nicht weniger unangenehm. Er war Perfektionist und trieb uns damit regelmäßig in den Wahnsinn. "Ihr wisst, was ein perfekter Film für mich bedeutet! Dieser Teil, dieser kleine Teil meines Lebens, heißt: Glückseligkeit. [16] Und das macht ihr mir nicht kaputt! Ihr nicht!" Genau in diesem Moment musste ich an Thomas Jefferson denken, an die Unabhängigkeitserklärung und unser Recht auf Leben, Freiheit und das Streben nach Glücksseligkeit. Und ich weiß noch wie ich dachte "Woher hat er gewusst dass er das Wort "Streben" da rein packen muss? [17]
"Vielleicht ist das Glück etwas, nach dem wir wirklich nur streben können und das wir niemals erreichen, so sehr wir uns auch bemühen." [18], flüsterte ich leise und gab mir selbst die Antwort.
"Ok, wir machen eine Pause. In 30 Minuten geht es weiter!" Rolf klatschte in die Hände, wie er es immer tat. Bei jeder Gelegenheit. Ich verließ den Drehort in Richtung Main und starrte einfach nur auf das Wasser. Es war windstill und das Wasser ruhig. 
"Weshalb sind Sie so traurig?", sprach mich plötzlich jemand hinter mir an. Ich erschrak und drehte mich um. Eine ältere Frau musterte mich. "Mein Chef regt mich heut wieder so auf, nur den Namen darf nicht sagen aber es ist Rrrr....OLF." [19] Aber eigentlich wollte ich nur kurz allein sein. Die Frau schien das zu spüren. Sie nickte nur wissend, sagte aber nichts. Einen Moment blieb sie noch stehen, aber ich starrte nur weiter auf das Wasser. Gedankenverloren. Schließlich ging sie weiter. Für mich war es auch Zeit. Die Hälfte der Pause war bereits rum und ich hatte Hunger. Ich kam keine zehn Schritte weit, als mir Rolf entgegenkam. Er machte ein zerknirschtes Gesicht.
"Lass Dir von niemanden je einreden, dass Du was nicht kannst. Auch nicht von mir. Ok? Wenn Du einen Traum hast, musst du ihn beschützen. Wenn andere was nicht können, wollen sie dir immer einreden dass du es auch nicht kannst. Wenn Du was willst, dann mach es. Basta." [20] Das war wieder die andere Seite von ihm. Er geriet schnell in Rage, wenn etwas nicht nach seinen Vorstellungen hundertprozentig lief, aber es tat ihm hinterher auch schnell wieder leid. Mag sein, dass ich ein durchschnittlicher Schauspieler war, aber Rolf hatte recht: Es war mein Traum und den sollte ich mir nicht kaputt machen lassen.

Wieder am Set angekommen, fiel ich hungrig über das Buffet her. Ich liebte die Shrimps.
"Shrimps sind Früchte des Meeres. Du kannst sie am Spieß braten, backen, braten, auf den Grill tun, sautieren...Es gibt Shrimp- Kabob, Shrimp- Creole, Shrimp- Gumbo...In der Pfanne gebraten, fritiert...Es gibt Shrimps mit Bananen, Bohnenshrimps, Kokosnussshrimps, Pfeffershrimps, Shrimpssuppe, Shrimpseintopf, Shrimpssalat, Shrimps mit Kartoffeln, Shrimpsburger, Shrimpssandwich... Das wars, glaube ich." [21], nuschelte ich zwischen den einzelnen Happen. Rolf grinste. Er klatschte - wieder einmal - in die Hände
"Los, auf geht's, genug gefaulenzt!"

Wir drehten die Szene noch einmal. Und noch einmal. Und noch einmal. Es dauerte, bis Rolf wirklich zufrieden war. Ich war ziemlich geschafft, als Rolf endlich Feierabend verkündete. Ich fuhr nach Hause und legte mich direkt ins Bett. Ich weiß nicht, warum, aber mir kam plötzlich ein Zitat in den Sinn.
„Mit dem ersten Glied ist die Kette geschmiedet. Wenn die erste Rede zensiert, der erste Gedanke verboten, die erste Freiheit verweigert wird, dann sind wir alle unwiderruflich gefesselt.“ [22] Dann schlief ich ein.








[1] (aus Chevy Stevens' - Never Knowing)
[2] (aus dem Film "Otto, der Ausserfriesische")
[3] (T'Alc in Stargate)
[4] (Johann Wolfagng Goethe)
[5] (Bart Simpson) 
[6] (aus Sakrileg - The Da Vinci Code von Dan Brown)
[7] ("Der Sommer, in dem es zu schneien begann" von Lucy Clarke)
[8] (Henry Ford (1863 - 1947))
[9] (Panic ~ Lauren Oliver)
[10] (Fabienne Siegmund "Sommerkuss") 
[11] (aus den Film "Das fliegende Auge") 
[12] (Michael Schanze in der ZDF-Spielshow "1,2 oder 3")
[13] (Walt Disney)
[14] (Hermann Hesse)
[15] (aus Raumschiff Enterprise - Das nächste Jahrhundert) 
[16] (Will Smith in "Das Streben nach Glück")  
[17] (Will Smith in "Das Streben nach Glück")
[18] (Will Smith in "Das Streben nach Glück")  
[19] (Zumbatrainerin Christin vor zwei Wochen) 
[20] (Will Smith in "Das Streben nach Glück")  
[21] (Babba in "Forrest Gump")
[22] (Erik Satie)  

Kommentare:

  1. Die Geschichte ist ja mal wieder super geworden. Du hast immer tolle Ideen. Bin auf die nächste gespannt.

    Ganz liebe Grüße von twenny83.blogspot.de

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