Samstag, 25. April 2015

[Kreatives] Urlaub

In der letzten Woche haben wir in unserer Facebook-Gruppe fleißig Zitate gesammelt. Ich werde dann jetzt mal in die Tasten greifen und mich überraschen lassen, welche Geschichte heute darauf wartet, entdeckt zu werden.




"Ruhe da, du oller Hahn, am frühen Morgen da schon aufzustehen. Mannometer kannst du einen nicht schlafen lassen?! Frechheit." [1] Fing ja gut an sein Tag! Eigentlich war er hier um Urlaub zu machen, aber das platte Land war wohl nichts für ihn. Er brauchte zum Leben die Stadt wie die Luft zum Atmen. Aber nach fünf Jahren Arbeit ohne Pause wollte er sich und seiner Familie endlich mal eine Auszeit gönnen. Nun gut, eigentlich hatte ihm der Arzt die Auszeit verordnet. Das hatte er bitter nötig. Er war Gründer und Chef einer sehr renommierten Computerfirma. Und als solcher hatte er eben nie Zeit, weder für sich noch für seine Familie. Seufzend stieg Peter aus dem Bett. Die Uhr zeigte gerade mal 6.29 Uhr an. Eindeutig zu früh. Er öffnete das Fenster, um die frische Morgenluft einzulassen und nach dem Ruhestörer Ausschau zu halten. Währenddessen dachte er an das letzte - und zugegebenermaßen wirre - Gespräch mit seinen zwei fähigsten Mitarbeitern, die ihn gerade in der Firma vertraten, zurück:
"Computer?! Computer?!", schrie Scotty außer sich
"Mister Scott, hier", antwortete Pille. "Die arbeiten noch mit Tastatur.", fügte er gleich an.
"Tastatur? Wie rückständig!" Scotty war völlig aus dem Häuschen.
"Transparentes Aluminium?", erkundigte sich Peter neugierig und skeptisch zugleich.
"Ja, es würde sie so reich unendlich reichen machen wie es sich kaum vorstellen können", antwortete Pille
"Wir können natürlich auch alles löschen", sagte er zögernd, nachdem keine Antwort kam
"Nein!!", [2] rief Peter, dem langsam klar wurde, was sich da für Möglichkeiten auftaten. "Transparentes Aluminium geht klar! Und denkt an die Faust...."
"Faustregel bei öffentlichen Aufträgen. Wieso nur eine Maschine bauen, wenn man für den doppelten Preis eine zweite bauen kann?" [3], unterbrachen Scotty und Pille ihn synchron. "Schon klar, Chef".
Das war das letzte, was er hörte, bevor um ihn herum alles dunkel wurde. Aufgewacht war er dann im Krankenhaus. Er blickte in das besorgte Gesicht seiner Frau. "Ich könnte der Nacht angehören!" [4], sagte sie, "und du würdest es nicht merken!" Es klang nicht anklagend. Nur traurig. Undendlich traurig. 

Peter kehrte wieder in die Gegenwart zurück. Er musste sein Leben dringend ändern. Fast hätte er seine Familie verloren. Und seine Familie ihn. Er zog sich an und ging leise die Treppe runter in die Küche. Seine Frau war schon wach und duschte. Sie stand immer gerne früh auf. Das hing mit den Farben des Morgens zusammen. Sie behauptete immer, am Morgen würden die Farben der Welt viel intensiver leuchten, bis sie ab Mittag wieder verblassen. "Zuerst die Farben, dann die Menschen. So sehe ich die Welt normalerweise." [5] hatte sie ihm einst erklärt.

Peter bereitete alles für ein kräftiges Omelette vor. Er konnte nicht nur mit Computern umgehen, sondern auch kochen. Das musste man ihm lassen! Bevor er die Eier in die Pfanne goß, rannte er schnell mit einem kalten Tuch die Treppe wieder hoch, stürmte - ohne zu klopfen - in das Zimmer seiner Jungs, wrang jeweils kurz den Lappen über ihren Gesichtern aus und rannte ganz schnell wieder raus. Aus dem Zimmer drang Geschrei und ein Schuh flog gegen die Tür. Grinsend ging Peter wieder in die Küche. Inzwischen war auch seine Frau im Bad fertig und erwartete ihn bereits am gedeckten Tisch. Sie lachte. Wann hatte er sie das letzte Mal lachen hören so entspannt gesehen? Er konnte sich nicht erinnern. Als das Omelette fertig war, stürzten auch schon die Kinder lachend zur Tür herein. Uwe, der kleinere von ihnen spähte auf den Herd. 
"Hieeer sind ja Eier drinne", rief er empört.
"Ah der Feigling, mich hier am frühen Morgen wecken aber da drinne",rief im gleichen Augenblick Manfred, als er seinen Vater am Herd stehen sah. Uwe nahm derweil auf seinem Stuhl Platz und zählte vor sich hin:
"Eins für Uwe, Eins für Manfred, Eins für Peter... und eins für später." [6]

"Was wollen wir nach dem Frühstück machen?", fragte Linda, seine Frau, als alle einträchtig am Tisch saßen und zufrieden vor sich hinmümmelten.
"Also ich geh' ins Fitnessstudio", brummte Manfred. Er war jetzt 16 und seine Hormone verrieten ihm, er solle sich schön für die Frauen machen. Diese würden auf gut trainierte Körper abfahren.
"Bodybuilding bringt überhaupt nichts außer Blasen im Kopf und weiche Knie." [7], erwiderte Linda, die natürlich ganz genau wusste, was ihrem Sprößling durch den Kopf ging. Aber natürlich ließen sie ihn gehen.
"Und wir drei?", fragend blickte Peter erst Uwe und dann Linda an. 
"Wie wäre es mit einem ausgedehnten Spaziergang und anschließend gehen wir noch für das Abendessen einkaufen?" Geagt, getan.

Und je weiter sie sich in die freie Natur vorwagten, um so befreiter fühlte Peter sich. Das Herz wurde ihm leicht und beschwingt und er hätte die ganze Welt umarmen können. Langsam wurden ihre Füße müde und sie hielten Ausschau nach einem geeigneten Platz für eine Rast. Sie fanden eine Bank, auf der allerdings schon jemand saß. Ein alter Mann mit langem weißen Bart blickte ihnen freundlich entgegen. 
"Guten Tag", grüßte die ihn höflich.
"Guten Tag", grüße der Mann zurück.
Linda und Uwe setzten sich auf die Bank. Peter schaute sich verlegen nach einer anderen Sitzmöglichkeit um, denn auf der Bank war kein Platz mehr. Aber ins Gras wollte er sich auch nicht setzen, das gab immer so unschöne Flecken auf der Hose.
Der alte Mann bemerkte seine Verlegenheit und zog ihn ein wenig auf: "Ahh, ein Stadtmensch ihr glaubt wohl auch dass wir hier oben etwas altmodisch sind, aber dass stimmt nicht! Wir haben das neue Milka Fresh erfunden. Da ish Minze drin in einer knackigen Füllung und einer zarten Schoki von Milka. Aber vooorsicht its cool man!" [8]
"Sie haben Milka erfunden?", platzte Uwe aufgeregt los. Alle lachten und die Spannung und Verlegenheit war verflogen. Eigentlich war es auf dem Land ja doch gar nicht so übel, mal von den blöden Hähnen abgesehen. Peter begann sich zu entspannen und die Zeit verflog nur so. Sie mussten wieder aufbrechen, schließlich wollten sie auch noch einkaufen. So ließen sie sich den schnellsten Weg in das Dorf erklären und machten sich wieder auf den Weg. Sie überlegten, was sie denn abends essen wollten und entschieden sich für Nudeln mit Gemüse und Tomatensoße. Ausschlaggebend war dabei das Argument ihres Jüngsten: "Man kann Nudeln machen kalt, man kann Nudeln machen warm. Ja, die Nudel ist ein ewiges Essen." [9]

Im Dorf angekommen, fanden sie noch einen alten Lebensmittelmarkt vor, wie es sie früher gab. Peter hatte das unbestimmte Gefühl, dass es hier noch etwas Ärger geben könnte. Und schon kam auch die Begrüßung des Inhabers höchstpersönlich: "Was machen Sie hier? Ich kenne Sie nicht!"
"Meine Name ist Lohse und ich kaufe hier ein!" [10], antwortete Peter überrascht. Der Inhaber schaute sie noch einen kurzen Moment skeptisch an, sagte aber nichts weiter. So schnappte sich Peter einen Einkaufskorb und ging die Regale entlang, immer den misstrauischen Blick des Inhabers im Rücken. Nachdem sie alles hatten, was sie brauchten, gingen sie an die Kasse, wo der Inhaber sie schon erwartete. Langsam und gemächlich, als hätte er alle Zeit der Welt, tippte er die Produkte in seine uralte Kasse ein. Dabei ließ er keinen Zweifel zu, wie sehr er sich durch die Fremden gestört fühlte. Plötzlich stockte er, blickte erst Peter, dann Linda an und ohne den Blick abzuwenden, brüllte er nach hinten: "Du Tinnnaaaa, watt kosten de Kondome?" [11] "6,75 €", brüllte es von hinten zurück. Und natürlich kam prompt auch die Frage von Uwe: "Mama? Was sind denn Kondome?" Während Linda rot anlief und der Inhaber alle weiterhin ignorierte, schaute Peter seinen Sohn liebevoll an und sagte einfach nur "Das erklären wir dir, wenn du alt genugt bist."
"Wann bin ich alt genug?" Natürlich musste diese Frage kommen.
"Wenn du so alt bis wie dein Bruder."
Kurze Pause und dann: "Ich bin kein kluger Mann aber ich weiß was Liebe ist!" [12] Peter seufzte. War ja klar, dass Uwe schon so einiges aufgeschnappt hat. Bestimmt wäre es besser zuzugeben, dass die Schönheit eines Problems darin besteht, dass es keine Lösung hat. [13] Und somit ging er auf diesen Kommentar nicht mehr ein und beließ es einfach dabei. Lediglich der Inhaber guckte böse über den Rand seiner Brille hinweg. Als er fertig war und alle Einkäufe in den Tüten verstaut waren, konnte er sich eine abschließende Bemerkung jedoch nicht verkneifen: "Ihr Auto steht übrigens im absluten Halteverbot! Sie bekommen gerade einen Strafzettel. Wenn Sie sich beeilen, können Sie Herrn Krommich noch ganz lieb bitten, davon abzusehen. Aber ich glaube nicht, dass er so kulant sein wird. Dafür ist er nicht berühmt." Er grinste hämisch. Peter, bereits auf dem Weg zur Tür, blickte zurück, grinste ihn an und sagte: "Isch habe gar keine Auto!" [14] Er drehte sich wieder um, bemerkte aber noch, wie das Grinsen aus dem Gesicht des Inhabers wich. Dann schlug die Tür hinter ihm zu. Und mit den Worten "Also Schluss mit dem Zirkus! Hier ist noch lang' nicht Feierabend! [15], machte sich die Familie fröhlich auf den Weg nach Hause.


[1] (Peter Ludolf aus "Die Ludolfs" während eines Bauernhofurlaubs mit seinen Brüdern Manni und Uwe)
[2] (Dialog aus Star Trek IV - Zurück in die Gegenwart)
[3] (Hadden in "Contact" zu Ellie Arroway) 
[4] (Deutsche Übersetzung von Make me wanna die by the pretty reckless) 
[5] Markus Zusak in "Die Bücherdiebin")  
[6] (Dialog aus "Die Ludolfs") 
[7] (Terence Hill in "Das Krokodil und sein Nilpferd") 
[8] (Peter Steiner in Milka Fresh Werbespot 1994)
[9] (Peter Ludolf aus "Die Ludolfs", als er gerade Nudeln kocht).
[10] (Herr Lohse in "Papa ante Portas")
[11] (Hella von Sinnen in einer "Kondome schützen" Werbung)
[12] (Forrest Gump zu Jenny) 
[13] ("Die wunderbare Welt des Kühlschranks in Zeiten mangelnder Liebe", Alain Monnier)  
[14] (Herr Angelo in Nescafe Werbung aus dem Jahr 1992)
[15] ("Käpt'n August und der Mond aus Gold", Peter Bunzel) 

1 Kommentar:

  1. Huhu Kata,

    was für eine tolle Geschichte. Da muss man auch erstmal drauf kommen die Zitate so einzusetzen. Echt toll.

    Ganz liebe Grüße

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